Im Gespräch – Anne-Sophie Panzer, CEO bei ZAUBAR und Augmented-Reality-Expertin
Anne-Sophie Panzer, CEO bei ZAUBAR und Augmented-Reality-Expertin
KRIMMER CONSULTING: Ihr habt mit einer innovativen Geschäftsidee die Tourismusbranche aufgemischt: Mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) ortsbezogene Augmented-Reality-Geschichten zu erzählen. Wie viele touristische Attraktionen haben Euren Service bereits genutzt, und was sind hier Eure Aushängeschilder?
Anne-Sophie Panzer: Es gibt keine genaue öffentliche Zahl der Touristenattraktionen, die ZAUBAR nutzen, aber eine Durchsicht offizieller Materialien und Referenzprojekte deutet darauf hin, dass die bestätigte Anzahl realer, öffentlich zugänglicher Touristenattraktionen (Standorte, Museen, Gedenkstätten und Sehenswürdigkeiten) mit aktiven ZAUBAR-AR-Erlebnissen im Bereich von 15 bis 25 liegt. Beispiele hierfür sind das Hotel Adlon Kempinski, die KZ-Gedenkstätte Dachau, die Stasi-Gedenkstätten (Berlin-Hohenschönhausen, Bautzen), die Burg Manderscheid, das Porzellanikon-Museum, die Deutsche Oper am Rhein, die Insel Mainau und die Gartenschau Tal X.
KRIMMER CONSULTING: Die Geschwindigkeit beim Einsatz der KI ist immens, immer mehr Unternehmen optimieren damit ihr Geschäftsmodell, ihre Produkte sowie ihr Service-Angebot. Wie bleibt Ihr hier am Ball, was hat sich beim Einsatz von KI in den vergangenen Jahren verändert, und wo geht die Reise hin?
Anne-Sophie Panzer: Im Bereich Kultur und Tourismus erleben wir derzeit einen spannenden Wandel, der von Künstlicher Intelligenz (KI) angetrieben wird – weg von einfacher Automatisierung, hin zu wirklich immersiven und interaktiven Erlebnissen. Bei ZAUBAR sehen wir KI nicht nur als ein Werkzeug im Hintergrund, sondern als dynamischen Partner im Geschichtenerzählen. Sie ermöglicht es Museen, historischen Stätten und Städten, passives Sightseeing in aktive Entdeckung zu verwandeln. Statt nur Fakten oder Bilder einzublenden, nutzen unsere AR-Erlebnisse nun generative KI, um in Echtzeit auf Besucher zu reagieren, Inhalte an deren Interessen oder Sprache anzupassen und sich an die physische Umgebung anzulehnen.
Eine der wirkungsvollsten Anwendungen ist das Wiedererleben historischer Momente – genau an dem Ort, an dem sie passiert sind. Mit ZAUBAR können Reiseleiter:innen und Kulturinstitutionen Archivmaterialien wie alte Fotos, Tonaufnahmen oder Geschichten aus der Gemeinschaft in ortsbezogene AR-Erlebnisse verwandeln. Es ist wie eine Zeitreise für moderne Besucher:innen – besonders wirkungsvoll bei jüngeren, digital geprägten Zielgruppen, die interaktive, visuelle und personalisierte Inhalte erwarten.
Ein weiterer bedeutender Wandel betrifft die Zugänglichkeit. KI ermöglicht es uns mittlerweile, selbstgeführte Touren ohne App-Download anzubieten. Über den Browser können Tourist:innen komplexe Geschichten, lokale Legenden und verborgene Schätze entdecken – ganz einfach mit ihrem Smartphone. Im Schnitt beobachten wir, dass Menschen deutlich länger vor Ort bleiben, wenn sie mit solchen spielerischen, vielschichtigen Erzählungen interagieren – oft bis zu 15 Minuten länger.
Mit Blick in die Zukunft entwickeln wir kontextbewusste KI-Agenten – wie unseren Spatial Agent –, die erkennen, was sich Besucher:innen ansehen, ihre Vorlieben verstehen und natürliche Gespräche über das jeweilige Objekt oder den Ort führen können. Man kann sich das wie einen virtuellen Guide vorstellen, der nicht nur alles über ein Denkmal weiß, sondern auch die Sprache der Besucher:innen spricht, sich ihrem Interesse anpasst und den Besuch wie eine persönliche Entdeckungsreise wirken lässt.
Uns liegt auch viel daran, diese Tools zu demokratisieren. KI senkt die Einstiegshürden für kleine Museen, lokale Historiker:innen oder sogar Schüler:innen, die so digitale Inhalte erstellen können – ganz ohne großes Budget oder Technikteam. So entsteht Raum für vielfältigere Stimmen und hyperlokale Erzählungen – ein entscheidender Beitrag zur Bewahrung kulturellen Erbes.
Letztlich ist es unser Ziel, jedem Ort zu helfen, seine Geschichte zu erzählen – authentisch, zugänglich und unvergesslich. Wenn Technologie die Erzählung unterstützt statt sie zu überlagern, dann wird Kulturtourismus zu etwas wirklich Bedeutungsvollem und Inklusivem.
KRIMMER CONSULTING: Weshalb hinkt Deutschland in puncto Unterstützung von innovativen Geschäftsideen im weltweiten Vergleich derart stark hinterher? Gibt es Anzeichen für neue Initiativen bzw. Veränderungen – oder sogar positive Entwicklungen?
Anne-Sophie Panzer: Es stimmt, dass Deutschland historisch gesehen in Bezug auf Start-up-Kultur und Innovationsförderung, hinterherhinkte – insbesondere im Vergleich zu Ökosystemen wie den USA oder Teilen Asiens. Doch in den vergangenen Jahren ist ein spürbarer Wandel zu beobachten – vor allem in Städten wie Berlin, das sich zu einem führenden europäischen Zentrum für Tech- und Kreativ-Start-ups entwickelt hat. Wir sehen mehr Kapital, mehr Exits und eine wachsende internationale Präsenz.
Neue Förderinitiativen – wie Seed-Fonds und öffentlich-private Förderprogramme – schaffen eine stärkere Grundlage für aufstrebende Unternehmen, insbesondere in Bereichen wie KI, XR und kultureller Technologie. Auch das Wachstum von ZAUBAR wurde durch diese Entwicklungen unterstützt – unter anderem durch den High-Tech Gründerfonds sowie internationale Investor:innen.
Wettbewerbe und Auszeichnungen spielen ebenfalls eine große Rolle dabei, Start-ups sichtbar zu machen. So konnten wir beispielsweise von der Auszeichnung als „Rising Star“ durch XR Today profitieren – solche Anerkennungen steigern die Sichtbarkeit und erleichtern die Partnersuche.
Deutschland orientiert sich zunehmend an den strategischen Zielen der EU in Bezug auf digitale Transformation und Kulturerhalt. Programme wie Horizon Europe oder der EIC Accelerator treiben zukunftsorientierte Innovationen voran. Zudem sehen wir immer mehr Initiativen, die den Zugang zu Fördermitteln vereinfachen und den öffentlichen Sektor – insbesondere in den Bereichen Tourismus und Bildung – stärker für Start-ups öffnen.
Insgesamt herrscht eine wachsende Aufbruchstimmung. Das Ökosystem wird reifer – es ist einfacher geworden, Kooperationspartner zu finden, schneller vom Konzept zum Pilotprojekt zu gelangen, und das Bewusstsein für die Rolle von Start-ups bei der Gestaltung der Zukunft von Technologie und Kultur nimmt spürbar zu.
KRIMMER CONSULTING: Ihr habt große Wachstumspläne – wie sehen sie konkret aus, in welchen Bereichen seht Ihr für ZAUBAR noch spannendes Potenzial?
Anne-Sophie Panzer: Unsere Vision für ZAUBAR ist mutig und tief in unserem Glauben verwurzelt, dass jeder Ort eine Geschichte hat, die es wert ist, erlebt zu werden. Bis 2030 wollen wir an allen wichtigen Kultur- und Tourismuszielen weltweit präsent sein. Unser Ziel ist es, Storytelling mit Augmented Reality nicht zur Ausnahme, sondern zum neuen Standard zu machen – nahtlos integriert in Museen, historische Stätten und Stadterlebnisse überall auf der Welt.
Ein zentraler Bestandteil dieser Wachstumsstrategie ist die internationale Expansion. Diese Kooperationen helfen uns, Erlebnisse auf lokale Erzählungen zuzuschneiden und kulturelle Sensibilität zu gewährleisten, während wir unsere globale Präsenz auf sinnvolle Weise ausbauen.
Kurzfristig entwickeln wir die Fähigkeiten unserer Spatial AI Agents weiter – digitale Guides, die personalisierte, kontextbewusste Inhalte in Echtzeit direkt auf die Smartphones der Besucher:innen bringen, ganz ohne App. Diese Agenten werden immer intelligenter, anpassungsfähiger und sogar mehrsprachig. Gleichzeitig investieren wir in Forschung und Entwicklung, um Multi-User-AR, kollaborative Funktionen und die Integration neuer XR-Hardware wie Smart Glasses zu ermöglichen – ein entscheidender Schritt für die nächste Welle des immersiven Tourismus.
Wir erweitern unser Angebot auch um soziale und partizipative Erlebnisse – man stelle sich Mehrspielertouren im Museum, interaktive Stadtspiele oder Echtzeit-Anpassungen basierend auf Gruppendynamik, Barrierefreiheit oder sogar dem Wetter vor. Solche Formate vertiefen die Beteiligung und machen Besuche unvergesslicher.
Jenseits der Technologie bauen wir unser Partnerökosystem aus. Projekte wie an der KZ-Gedenkstätte Dachau, im Hotel Adlon, im Porzellanikon-Museum oder an historischen Orten in Brandenburg haben uns gezeigt, dass immersives Storytelling mehr kann als nur begeistern – es kann neue Einnahmequellen erschließen, Bildungsangebote stärken und kulturelles Erbe zugänglicher machen.
Gleichzeitig demokratisieren wir die Erstellung von AR-Inhalten. Unsere Plattform ermöglicht nicht nur großen Institutionen, sondern auch kleineren Akteuren – etwa unabhängigen Guides, ländlichen Gemeinden oder lokalen Museen – eigene AR-Erlebnisse zu gestalten und zu veröffentlichen. Das ist besonders lohnend, weil es lokale Wirtschaftskreisläufe stärkt und unterrepräsentierten Geschichten eine Stimme gibt.
Und die Ergebnisse sprechen für sich: Unsere Partner berichten, dass Besucher:innen länger vor Ort bleiben, intensiver interagieren und die Inhaltserstellung bis zu 75 % effizienter abläuft.
Kurz gesagt: Unsere Zukunft liegt darin, zur globalen Referenz für immersives kulturelles Storytelling zu werden – damit jeder Besuch bedeutungsvoller, jede Destination sichtbarer und jede Geschichte lebendiger wird.
KRIMMER CONSULTING: Wie würdest Du Deine Persönlichkeit in einem Satz beschreiben?
Anne-Sophie Panzer:
Ich bin eine neugierige, empathische und lösungsorientierte Person, die in Zusammenarbeit aufblüht und gerne Ideen in sinnvolle Wirkung verwandelt.
Stand: 22. Juli 2025
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